Türkisblauer Bergsee mit Gipfeln im Hintergrund
Der Hintere Gosausee begeistert nicht nur Dichter; Wandernde finden hier viele Alternativen zum beschriebenen Rundweg. Foto: Iris Kürschner

Rund um die Dachsteingruppe

Von Bibel­schmugglern, Alpinpionieren und Salzhändlern

Der achttägige Dachstein-Rundwanderweg begeistert durch seine Kontraste. Und er macht Geschichte lebendig: auf den Spuren von Bibelschmugglern, Alpinpionieren und Salzhändlern.

O Gosausee, wie bist du schön. Du Mahnmal aus den Schöpfungstagen. Wer auch nur einmal dich gesehen, der wird dein Bild im Herzen tragen …“ In Stein gemeißelt stehen die Worte der Dichterin Jolanthe Hasslwander direkt am Uferweg. Sie starb 1997, in dem Jahr, als der Dachstein zum UNESCO-Welterbe erhoben wurde. Auch uns hat sich der Gosausee ins Herz eingebrannt. Kein schönerer Auftakt ist denkbar für den achttägigen Dachstein-Rundwanderweg, der auf 127 Kilometern das Massiv umrundet: zuerst südseitig unter dem Gosaukamm und der gewaltigen Südwand entlang; dann über die große Karsthochfläche; zuletzt durch die buckligen Wirren der östlichen Vorberge zum Hallstätter See.

Drei Tage lang wandert man an den Südseiten entlang, wie hier unter dem Gosaukamm. Foto: Iris Kürschner

Der Dachstein ist Kultberg nicht nur für Österreich, auch international steht er auf der Bucket List. Das spürt man schon am Vorderen Gosausee, wo die Dachsteinwände königlich zum Himmel streben, um es mit den Worten Hasslwanders auszudrücken. Bis zur Abendessenszeit herrscht Selfiewahn. Doch dann: Im Vergleich kaum ein Mensch mehr, nur noch ein paar Gäste des einsam stehenden Uferhotels. Und genauso sieht auch die Wanderrunde aus. An einschlägigen Punkten Rummel, auf den weiten Strecken dazwischen tröpfelt es an Wandergesellschaft. Dieter und ich erleben sogar ganze Tagesabschnitte, wo uns nichts als Gämsen oder Steinböcke begegnen.

Ganz nach unserem Geschmack, die Landschaft tiefer zu erspüren. Hinter die Oberfläche zu schauen. Geschichten aufzuspüren, wie die der Bibelschmuggler.

Heftige Glaubenskämpfe wogten einst um den Dachstein, wo Bad Goisern und Ramsau protestantische Zentren waren – Enklaven im katholischen Österreich. Die „Evangelischen“ mussten brutale Unterdrückung ertragen und ihren Glauben im Geheimen ausüben. In mancher Tragekraxe versteckt unter Salzsteinen oder anderer Handelsware lag eine Lutherbibel. Angst steckte im Nacken, die verbotene Schrift sicher zu den Geheimprotestanten zu bringen. Bei Erwischen drohten den Buchschmuggelnden harte Strafen, nicht selten der Tod. Einer ihrer Schleichwege zieht sich heute als Bibelsteig (identisch mit dem Austria-, Linzer- und Pernerweg) in die Ramsau. Dank der Hofpürglhütte, die es zur Zeit der Gegenreformation noch nicht gab, teilt sich die lange Strecke moderat auf.

Die Bischofsmütze über der Hofpürglhütte ist ein berühmter Kletterberg; trotz großen Bergsturzes bietet sie noch viele lohnende Routen. Foto: Iris Kürschner

Der stattliche Stützpunkt bietet Premiumlage südostseitig der Großen Bischofsmütze, des höchsten Gipfels im Gosaukamm und Klettereldorado par excellence. Der Hüttenwirt Heinz Sudra richtete über 400 Routen ein und machte die Hofpürglhütte zum Kletterausbildungszentrum. Eine hippe Stimmung. Auf der Hüttenterrasse wird gefachsimpelt, während die Felsmauer das letzte Abendlicht rot glühend aushaucht. Gewaltige Gesteinsmassen brachen im Herbst 1993 aus der Mütze.

Malerisch und karstig, bunt und grau

Den Trümmerkessel, durch den sich anderntags der Wanderpfad schlängelt, würde man heute als wildromantisch bezeichnen. Im Auf und Ab geht es unter schroffen Felswänden entlang durch eine perfekte Hochalmenlandschaft, in der ein paar einsame Rinder uns verträumt nachschauen. Gerade das Wechselspiel zwischen malerisch und karstig, zwischen bunt und grau gestaltet den Dachstein-Rundwanderweg so faszinierend. Überm Kopf türmt sich der Torstein, mächtiger Eckpfeiler der Dachsteinsüdfront. Gemeinsam mit dem Mitterspitz und dem Hohen Dachstein bildet er ein „Dreigestirn“, das bisher noch alle umgehauen hat, die vor ihm stehen. Fast tausend Meter lotrechte Wände, die in einer gigantischen Mauer auf liebliche Almen stürzen. Die Südwandhütte als klassisches Etappenziel liegt hautnah dran. Einen noch besseren Blick auf die Zyklopenmauer hat man allerdings mit etwas mehr Abstand, warum also nicht noch ein Stück weiterwandern bis zur Austriahütte?

Die Austriahütte bietet trotz moderner Sanierung ein bescheidenes Nachtquartier direkt unterm Dachsteingipfel. Foto: Iris Kürschner

Profis kehren dabei unterwegs in der Walcheralm ein. Sie liegt nur wenige Minuten unterhalb der Gletscherbahn-Talstation. Die urige Almhütte steckt voller kreativer Details. Aber, was noch wichtiger ist, Herbert Walcher, Ramsauer Urgestein, produziert hier mit seiner Lebenspartnerin Köstlichkeiten aus der Milch der eigenen Kühe. Allein schon der Anblick des Topfenstrudels lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann die unzähligen Käsesorten, die es zu degustieren lohnt: Dachsteinkäse, Mozzarella, Camembert … Der ideale Proviant auch fürs Picknick am nächsten Tag. Nur nicht unbedingt der Steirer Kas. Für den braucht es schon robustere Gourmets. Der rezente Krümelkäse gibt sich weder gefällig fürs Auge noch für die Nase. Walcher serviert ihn auf warmen Krapfen – eine wahre Geschmacksexplosion.

Auf der Walcheralm präsentiert Herbert Walcher seinen selbst produzierten Steirerkas. Foto: Iris Kürschner

Nur eine halbe Wegstunde weiter thront die Austriahütte. Die älteste Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereins und zugleich die älteste am Dachstein strahlt viel Flair aus. Die andere Besonderheit: Das Untergeschoss birgt ein Alpinmuseum über die Erschließungsgeschichte des Dachsteins. Spätestens hier erfährt man von den legendären Steinerbuam. Sie fanden 1909 eine Route durch die Südwand, quasi in Falllinie des Hauptgipfels. Irg, der Jüngere, lernte Bergführer und versuchte es auch mit einer Winterbewirtschaftung des Guttenberghauses, Etappenziel des nächsten Tages.

Zwei Welten prallen aufeinander

Über seine Einstellung zu Lawinen war man wohl geteilter Meinung. Mit einem Rettungsschlitten fuhr Irg gelegentlich von der Hütte ab, um mit den Kufen „die Lawinen anzunageln“, wie er es nannte. Lange führte er den Stützpunkt nicht, der Schlitten bekam seinen Platz im Museum. „Ein Freigeist war er“, erzählt der Hüttenwirt. „Kaum zum Ersten Weltkrieg eingezogen, desertierte Irg und versteckte sich vier Jahre im Karstlabyrinth des Dachsteins. Bei zahlreichen Sennerinnen kam er unter und er schied nie ohne Dank. Mindestens 14 ledige Kinder werden ihm nachgesagt, manche meinen auch 21 oder mehr.“ Ab einer Übernachtung erhalten Gäste die Sommercard. Sie schließt auch eine Gratisfahrt mit der Seilbahn auf den Hunerkogel ein. Zwei Welten prallen an der Bergstation aufeinander. Wandernde und Bergsteigende, die die Ruhe suchen, und Schaulustige, die man glaubt, unterhalten zu müssen. Gruseln auf der Hängebrücke und der „Treppe ins Nichts“, Staunen über die farbenprächtigen Inszenierungen im Eispalast. Pistenraupen schaufeln unermüdlich Schnee von A nach B – der verzweifelte Versuch, die Eisgrotte zu erhalten. Ein Förderband erspart die paar Höhenmeter zwischen Seilbahn und Fungelände. Tagesgäste, die sich etwas mehr zutrauen, wandern auf breit gepisteter Gletscherflaniermeile zur Seethalerhütte, die seit dem Winter 2018 in neuem Glanz erstrahlt. Klein und fein, mit nachhaltigem Konzept. Und weil nur 22 Personen hier übernachten können, verschwindet mit der letzten Gondelbahn auch der Trubel.

Frühmorgens am Stoderzinken, Start in die zweite Hälfte der Rundtour – Blick ins Ennstal und zum Gesäuse. Foto: Iris Kürschner

Wir gönnen uns den Abstecher, weil das Wetter passt und ein echter Steirer wie Dieter eben einmal in seinem Leben auf dem Dachstein stehen muss. Noch vor der ersten Gondel kraxeln wir auf den Gipfel und sind tatsächlich alleine. Ein seltenes Gut, das wir mit ein paar Dohlen in vollen Zügen genießen. Zurück an der Gletscherbahn fädeln wir wieder in den Dachstein-Rundwanderweg ein. Er leitet durch die Karsthochfläche „Am Stein“. Eine Einöde aus Kuppen und Mulden. Zerfressene Kalkflächen mit Schrunden, Löchern und Ritzen, scharfen Kanten und Spitzen, „als wenn eine ätzende Säure über sie gegossen worden wäre“, beschrieb es Friedrich Simony, der „Dachstein-Professor“. Erst kurz bevor er starb, im Oktober 1895, vollendete er sein Lebenswerk, eine Dachstein-Monografie. Auch zwei Wegvarianten, wie der Ramsauer Höhenweg und der anspruchsvolle Ramsauer Klettersteig, bieten eindrücklichen Einblick in und auf diese 20 Quadratkilometer große Gesteinswüste.

Die gemütliche Stube des Guttenberghauses lädt zum Verweilen ein. Foto: Iris Kürschner

Allesamt treffen sie sich am Guttenberghaus. Eine Aussichtsloge über dem Ennstal mit Weitblick zu den Schladminger Tauern.

Auch der nächste Stützpunkt, das Steinerhaus, könnte nicht besser liegen. Der kurze Abstecher auf den Stoderzinken gewährt einen genialen Überblick des Dachsteinmassivs, bevor einen die einsame Buckellandschaft der Dachsteinalmen in ihrer geheimnisvollen Welt aufnimmt.

Die meisten Hütten hier haben noch echten Bergler-Charme, wie etwa das Steinerhaus mit seinem Prachtblick auf die Dachsteingletscher. Foto: Iris Kürschner

Dunkle Felsen bilden eine enge Kluft. Tageslicht dringt nur spärlich auf den Grund. Es riecht nach feuchtem Moos und nasser Erde. Das Knacken modriger Äste durchbricht die Stille. Zuweilen sieht man Peter Gruber durch die Notgasse pirschen; sie ist für ihn ein magischer Ort. Versteckt in der verwunschenen Waldwildnis des touristisch weitgehend unberührten Kemetgebirges, wie sich der östliche Teil der Dachsteinalmen nennt. Ohne Wegweiser würde man den Eingang der Notgasse im unübersichtlichen Gewirr von Mulden und Kuppen nie entdecken. Wie eine Schlange windet sich die Schluchtgasse durch den porösen Kalk. An der engsten Stelle passt gerade mal ein Mensch hindurch. Ein Spalt zwischen bis zu sechzig Meter hohen Wänden, mit Einbuchtungen im Fels, die Schutz vor Wind und Regen bieten.

Intensiver Geschmack von Freiheit

Bereits 1902 empfiehlt der Bergführer Josef Steiner in seinen „Ennsthaler Wanderungen“ den Besuch dieser „schauerlichen Felsschlucht“, die schon den Römern als Saumweg und später den Schmugglern als Steig gedient habe. Notgasse. Allein schon der Name beflügelt die Fantasie. Haben hier Hirten in grauer Vorzeit genächtigt und ihre Gedanken in Symbolen in den Fels geritzt? Gruber streicht mit seiner Hand sanft über die Linien im weichen Gestein, fühlt der Aussagekraft nach. Man sieht Abbildungen von Ackergeräten, Kreuze, Fruchtbarkeitsund Glückssymbole.

Die Felsenschlucht der Notgasse ist abenteuerlich. Foto: Iris Kürschner

Für manche gilt Gruber als der literarische Chronist des Dachsteins. In seinem Roman „Notgasse“ thematisiert er die Religionskämpfe und das Almleben der 1520er Jahre. Die Geschichte erzählt von den Bauern des Spätmittelalters, die unter den hohen Abgaben an die Grundbesitzer litten. Kaum, dass es zum Überleben reichte. Bergknappen aus Sachsen brachten die Lehre Luthers ins Land, die mehr Freiheit und Gerechtigkeit, mehr wirtschaftliche Entlastung versprach. Widerstand machte sich breit, von Söldnertruppen brutal niedergeschlagen. Die Bauern wurden gefoltert, gehängt, ihre Höfe abgefackelt, wenn sie sich nicht zum katholischen Glauben bekannten. Grubers Schilderungen kommen so authentisch rüber, weil er selbst von einem Bergbauernhof stammt. Seit Jahrzehnten hütet er im Sommer das Jungvieh seines Bruders auf einer der entlegensten Dachsteinalmen, zwei Wanderstunden von der Notgasse entfernt. Vier Monate Abgeschiedenheit – seine künstlerische Inspiration. Tatsächlich brachte „erst das Jahr 1848 die Befreiung von den Grundherrschaften, von Abgaben und Zinsen und von gesellschaftlicher und sozialer Unterdrückung – mehr als drei Jahrhunderte nach dem Bauernaufstand von 1525“, schreibt Gruber. Angesichts der jüngsten Glaubenskriege heute wieder erschreckend aktuell. Das kostbare Gut von Freiheit und Selbstbestimmung, es bekommt auf dem Dachstein-Rundwanderweg einen noch intensiveren Geschmack.