Nazima Khairzad bei einem Skiwettkampf in Afghanistan 2021
Nazima Khairzad bei einem Skiwettkampf in Afghanistan 2021. Foto: Rick Findler
Maltes Gespräche

Nazima Khairzad über Familie, Sport und die Taliban

Für afghanische Verhältnisse genoss Nazima Khairzad, Jahrgang 2000, ein freizügiges Leben: sie besuchte eine Schule, spielte Fußball, bestieg einen Fünftausender, fuhr Ski und gewann bei einem Slalom in Pakistan Bronze. Als die Taliban sie mit dem Tod bedrohten, floh sie über Pakistan nach Deutschland. Im Moment befindet sie sich in einem Asylzentrum in Bad Arolsen in der Nähe von Kassel. In der Kletterhalle der Sektion Frankfurt absolviert die 22-Jährige einen Kletterkurs.

Malte-Roeper Malte Roeper

Wie hast du den Sport für dich entdeckt? Um Sport zu treiben, muss eine junge Frau ja zunächst einmal das Haus verlassen dürfen.

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Sport war mir eigentlich unbekannt, aber dann habe ich bei uns der Nähe eine Frau beim Joggen gesehen, eine Amerikanerin: mit offenen Haaren und in Sportbekleidung! Und ich bin gleich hin zur ihr: „Wow, wie ist das möglich? Hast du keine Angst?“ Ich fand das großartig, aber ich hatte Angst um sie, dass Leute bei ihrer Familie anrufen oder mit Steinen nach ihr werfen.

Malte-Roeper Malter Roeper

Wie bitte? Mit STEINEN nach ihr werfen?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Nicht mit richtig großen Steinen, aber es ist unangenehm genug. Wir sind von einem kleinen Dorf in die Stadt gezogen, wo meine Mutter und meine Cousinen dann nur noch voll verschleiert mit der Burka raus sind – und die Cousinen durften nicht zur Schule. Ich bin weiter zur Schule, habe weiter Sport getrieben, manchmal haben Leute meine Eltern angerufen oder meine Brüder und sich beschwert und mich beschimpft: Was für eine Schande: Nazima trägt ihre Haare offen, Nazima treibt Sport.

Nazima (ganz links) und weitere Mitglieder des Bamyan Ski Club in Afghanistan. Foto: Rick Findler

Malte-Roeper Malte Roeper

Deine kleine Schwester Nazira war immer mit dabei?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Das war einer der Gründe, warum unsere Eltern das erlaubt haben: Zu zweit waren wir sicherer. Manchmal haben wir tagelang geheult, wenn wir nicht zum Sport durften. Als unsere Eltern gemerkt haben, wieviel es uns bedeutet, haben sie es erlaubt …und langsam wirklich verstanden.

Malte-Roeper Malte Roeper

Ich vermute, in der Schule gab es keinen Sportunterricht für Mädchen? Oder ganz allgemein keinen Sportunterricht, weil in Afghanistan der normale Unterrichtsbetrieb schon schwer genug aufrechtzuerhalten ist?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Es gibt keinen Sportunterricht, wie man ihn hier kennt, doch die Jungs dürfen raus und ins Gym und alles. Mädchen dürfen das nicht. Zum ersten Mal in einem Stadion - einem kleinen Stadion - war ich, weil mein kleiner Bruder sich nicht allein getraut hat. Es gab ein Fußballspiel und er wollte zuschauen. Meine kleine Schwester ist auch mit und dann hat der Trainer uns angesprochen. Man wollte eine Mädchenmannschaft aufbauen, er fragte uns, ob wir mitmachen wollten. Und ich so: Wow, das GEHT?! Wir waren so aufgeregt! Zuhause hieß es erstmal: nein, niemals! Sei zufrieden, dass du zur Schule gehst! Deine Cousinen dürfen nicht mal aus dem Haus und du musst im Gegensatz zu ihnen auch keine Burka tragen, das reicht!

Nazima (l. ) mit ihrer Schwester Nazira und ihrer Mutter. Indem sie mit einem Geldschein über den Köpfen ihrer Töchter wedelt, wünscht die Mutter ihnen Glück für den anstehenden Skiwettkampf. Foto: Rick Findler

Malte-Roeper Malte Roeper

Es gab bei dem Thema auch Konflikte mit euren Brüdern, aber abgesehen von dem Streit um deine Lebensführung: Hattest du eine schöne Kindheit?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Oh ja! Mein Vater war Gärtner und meine Mutter Hausfrau, sie haben beide nie eine Schule besucht und es war immer sehr harmonisch. Sie haben sich sehr verändert, jetzt sagen sie oft, dass sie stolz auf Nazira und mich sind.

Malte-Roeper Malte Roeper

Deine Entscheidung für den Sport hat also nicht nur dein eigenes Leben verändert, sondern auch das deiner Eltern?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ja, das stimmt. Bei der Verwandtschaft ist es leider anders. Die stressen meine Eltern immer noch.

Malte-Roeper Malter Roeper

Kannst du mit diesen Verwandten manchmal das Thema ausklammern und sagen, ansonsten verstehen wir uns gut?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Nicht wirklich. Sie wissen, wieviel mir meine Familie bedeutet und nutzen das als Hebel. Und sie merken, dass mein Verhalten auf meine Cousinen abfärbt, das akzeptieren sie erst recht nicht. Die wollen zum Teil jetzt auch so sein wie ich. Und irgendwann haben nicht mehr die Verwandten bei meinen Eltern angerufen, sondern die Taliban – die waren in unserer Provinz Bamyian vor der Machtübernahme im August 2021 noch nicht so präsent. Aber sie haben dann angerufen und gesagt: Wir werden sie töten. Dann bin ich zuerst nach Pakistan und steckte dort ein Jahr lang fest.

Malte-Roeper Malte Roeper

Die Videobloggerin Eva zu Beck hat ein Youtube-Video mit dir beim Skifahren gedreht, als du noch in Afghanistan warst. Sie hat dir geholfen, den Flug nach Pakistan zu bezahlen?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ja, das stimmt, sie ist eine echte Freundin. Das war kurz bevor die Taliban die Macht übernahmen, da hatte ich Glück, noch rechtzeitig raus zu kommen. Meine kleine Schwester konnte dann zusammen mit anderen Sportlern über eine Hilfsorganisation ausreisen.

Malte-Roeper Malter Roper

Warum seid ihr nicht zusammen, sondern deine Schwester in Italien und du in Frankfurt?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ich war zuerst auch in Italien, aber wir durften nicht zusammenwohnen und unsere Quartiere waren fünf Stunden voneinander entfernt. Und ich hatte ein Schengen-Visum und habe mich für Deutschland entschieden, weil ich hier Freunde habe.

Malte-Roeper Malte Roper

Woher kanntest du sie?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Aus Pakistan, die sind von Katholische Landvolk-Bewegung (KLB), einer Gruppe, die afghanischen Flüchtlingen bei der Einreise hilft. Als ich in Pakistan ankam, war meine Lage in Islamabad irgendwann ziemlich verzweifelt: Mein Visum lief aus, ich war allein und hatte kein Geld für ein Hotel. In Afghanistan hatte ich in den Bergen mal eine Deutsche kennengelernt, die hatte keinen Handy-Empfang und ich habe ihr dann meins geliehen. Ihre Nummer hatte ich noch und sie hat mir eine Adresse von einer Unterkunft der KLB gegeben.

Nazima in der Kletterhalle der DAV-Sektion Frankfurt/Main. Hier absolvierte sie einen Kletterkurs. Foto: Malte Roeper
Malte-Roeper Malte Roeper

Warum ist es für die Taliban und die radikalen Islamisten so wichtig, den Frauen die Grundrechte zu nehmen? Was ist der Punkt?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Sie wissen, dass die Frauen stark sind. Wenn sie einmal frei sind, werden sie Afghanistan übernehmen. Sie haben Angst vor uns. Sobald alle Frauen zur Schule gehen, wollen sie ihre Freiheit. Bildung ist der Anfang: Wer zur Schule geht, will frei sein - wer frei ist, will nicht von den Männern abhängig sein. Dann wollen sie Ärztinnen werden, Sportlerinnen, Künstlerinnen.

Malte-Roeper Malte Roeper

Wie bist du zum Skifahren gekommen? Als ich Freunden erzählt habe, ich interviewe eine afghanische Skiläuferin, dachten die an Rich Kids beim Heliskiing.

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Nein, überhaupt nicht! Wir mussten mit den Ski auf dem Rücken zwei Stunden auf einen Berg und dann konnten wir fahren, zum Teil haben wir auch selbst die Piste getreten. Am Anfang bin ich ständig hingefallen, aber trotzdem: Es hat angefühlt wie fliegen, ich fühlte mich so unglaublich frei.

Malte-Roeper Malte Roeper

In dem Video von Eva zu Beck gibt es diesen Lift, bei dem das Zugseil um die Hinterachse eines Motorrads läuft...

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Das war großartig, aber das hatten wir nur manchmal. In dem Video habe ich auch Tourenski mit Fellen, die waren fantastisch, aber die hatte ich nur einmal, die hatte Eva mir mitgebracht.

Malte-Roeper Malte Roeper

Das machen viele Leute bei uns in den Bayerischen Alpen: Aufstieg mit Fellen und Abfahrt auf einer eigenen Linie.

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Und ihr habt Lifte und Seilbahnen! Aber dieses Aufsteigen mit Fellen hat auch wirklich Spaß gemacht. Darf ich noch erzählen, was ich noch gemacht habe?

Spendenaufruf

In ihrer Heimat ist sie eine bekannte Sportlerin – die 20jährige Nazima Khairzad gewann Afghanistans erste Medaille im Ski alpin, lief Marathon und bestieg den Shah Fuladi (5064 Meter), den höchsten Berg ihrer Heimatprovinz Bamyian. Als die Taliban drohten, sie umzubringen, floh sie über Pakistan und Italien nach Deutschland.

 Im November 2021 ermordeten die Taliban eine Teamkollegin von ihr aus dem Skiclub Bamyian. Dennoch steht nach europäischem Asylrecht in den kommenden Monaten die Ausweisung nach Italien bevor, weil Nazima dort in die EU eingereist ist. Die neu gewählte italienische Regierung hat sich äußerste Härte gegen Migrant*innen auf die Fahnen geschrieben.

Dieser Spendenaufruf dient der Finanzierung eines Rechtsanwalts für ihr Asylverfahren und mögliche Verfahrenskosten. Sollte sich ein Überschuss ergeben, unterstützen wir damit ihre Familie, die vor den Taliban in den Iran geflohen ist, sie selbst sowie das Flüchtlingshilfswerk Kabul Luftbrücke. Aktuell befindet sich Nazima in einer Asylunterkunft in Hanau.

Mehr: nazima.org

Überweisungen an:

  • Kontoinhaber: AsylfürNazima     

  • IBAN: DE56 7105 2050 0040 9064 14

  • BIC: BYLADEM1TST

  • Bank: Kreissparkasse Traunstein-Trostberg

Malte-Roeper Malte Roper

Aber bitte!

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ich habe allein in Kabul gelebt, nach dem Schulabschluss habe ich angefangen mit Informationstechnologie und hatte einen Job als Tourguide. Ich war - glaube ich jedenfalls - die erste Afghanin, die das gemacht hat: Da musste ich die Burka tragen, damit es für meine ausländischen Gäste keinen Ärger gab.

Malte-Roeper Malte Roeper

Was siehst du für eine berufliche Perspektive hier in Deutschland, du hast deinen Abschluss in IT ja nicht machen können?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Gute Frage. Zuhause in Afghanistan habe ich als Tourguide gutes Geld verdient. Jetzt will ich mich erst mal wieder um den Sport kümmern, in Afghanistan war das sehr schwer, aber Deutschland ist mein zweites Zuhause, darum will ich hier auch etwas erreichen, worauf ich stolz bin. Ich würde gerne an eine Universität, irgendwas mit Tourismus oder Sport studieren. Ich muss unbedingt Deutsch lernen. Und wenn meine Familie hier ist, muss ich sie unterstützen. Aber ich habe noch mehr gemacht, darf ich davon erzählen?

Malte-Roeper Malter Roeper

Bitte!

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ich war die erste Afghanin auf dem Shah Fuladi (5064 m), dem höchsten Berg in unserer Provinz. Wir waren sechs Tage unterwegs, mit Zelten und allem, was dazu gehört. Ich konnte das meiner Familie unmöglich vorher erzählen. Wir waren aus verschiedenen Regionen und Ethnien: Pashtun, Hazara, Said, aber das spielte am Berg überhaupt keine Rolle. Und ich bin drei Marathons gelaufen, zum Teil fanden die heimlich statt, weil da Frauen dabei waren.

Malte-Roeper Malte Roeper

Du hast 2020 bei einem Skirennen in Pakistan eine Bronze-Medaille gewonnen, es war die erste Medaille im Skifahren für Afghanistan überhaupt. Hast du die Medaille dabei?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Leider nein, sie ist bei meinen Eltern im Iran.

Malte-Roeper Malte Roeper

Deine Eltern sind im Iran?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Seit einem Monat. Sie haben einen Brief bekommen, in dem man nach mir und meiner Schwester gefragt hat. Und einer meiner Verwandten wollte mich mit seinem Sohn verheiraten und einen meiner Brüder mit seiner Tochter. Sie folgen meiner Schwester und mir auf Social Media, da haben sie meiner Familie immer Druck gemacht, weil wir die Haare offen tragen. Und meine Mutter hatte Angst, dass sie meine Brüder als Soldaten einziehen, da sind sie geflohen.

Malte-Roeper Malte Roeper

Deine Brüder waren ja gegen deinen Lebensstil, aber für die Taliban kämpfen, soweit wären sie nicht gegangen?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Nein, niemals. Neulich in Berlin - mit dem 9-Euro ging das noch, heute könnte ich mir die Fahrt nicht leisten - war ich auf ein Event eingeladen, so eine Art Modenschau in Sachen Sport. Da bin in Burka auf den Laufsteg, dann habe ich die Burka abgeworfen und hatte Skisachen drunter. Das habe ich gepostet und war schon reichlich nervös: Wie würden meine Brüder reagieren? Aber sie haben mir gesagt, dass sie stolz auf mich sind!

Malte-Roeper Malte Roeper

Wie hast du dich bisher in Deutschland finanziert?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Es ist extrem schwierig, ich musste mir Geld leihen, weil ich keine Arbeitserlaubnis habe. In dieser Asylunterkunft hier in Gießen kann ich mich einigermaßen frei bewegen, aber es kann passieren, dass ich nach Italien muss, weil ich über Italien eingereist bin. Und in Italien müsste ich Angst haben, dass sie mich ausliefern.

Malte-Roeper Malte Roeper

Ein Freund von mir hat junge Flüchtlinge betreut, er sagt, dass sie alle unter riesigem Druck stehen. Erstens haben sie oft ein schlechtes Gewissen: „Ich bin in Sicherheit, warum nicht meine Eltern, Geschwister, Freunde?“ Zweitens fühlen sie sich verpflichtet, a) die anderen rauszuholen und b) Geld zu verdienen und es ihnen zu schicken. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ja, dieser Druck ist da und er ist schrecklich, aber ich kann mich ja kaum selbst über Wasser halten, wie soll ich da meiner Familie helfen? Es ist sehr deprimierend.

Malte-Roeper Malte Roeper

Und eigentlich musstest du fliehen, weil du gerne Sport treibst, in die Berge gehst und vor allem gern Ski läufst. Wie sind die Chancen, dass du nächsten Winter auf Ski stehst?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Inschallah, ich warte auf ein Wunder. Letztes Jahr in Pakistan ging auch nichts mit Skilaufen. Mein Visum war abgelaufen, ich war illegal und - ich hatte natürlich keine Ski.

Malte-Roeper Malte Roeper

Hast du im Moment einen langfristigen Plan?

Nazima-Khairzad Nazima Khairzad

Ich will einfach ein ganz normales Leben führen, am liebsten zuhause in Afghanistan. Und ich würde natürlich gerne wieder Skifahren, aber im Moment habe ich nicht mal Laufschuhe.

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