Winnebachseehütte
Etappenziel Winnebachseehütte. Foto: Axel Klemmer

Die längste Route auf die Ötztaler Wildspitze

Weg durch Tirol

Zu Fuß vom tiefsten Punkt zum höchsten Punkt Nordtirols: Im September 2021 glückte dem Verfasser eine ungewöhnliche "Erstbegehung".

Manche meinen, entschleunigen könne man am besten in der heilen Natur, also möglichst weit weg von zu Hause. Ich bin nicht dieser Meinung. Ich glaube, entschleunigen kann und sollte man genau dort, wo man sonst im Alltag Gas gibt. Das ist genauso befreiend wie in dem berühmten Kinofilm: raus aus der „Matrix“ der perfekten Bergsport-Tourenwelt, rein in die unperfekte Wirklichkeit. Also fahre ich mit dem Regionalzug nach Brannenburg, gehe auf der Brücke über die Autobahn und über den Inn und dann immer neben dem Deich bis zur Tiroler Grenze, einer imaginären Linie im Grünland auf 465 Meter Höhe. Von dort will ich weitergehen bis zum Gipfel der Wildspitze, 3768 Meter hoch.

Von 465 Meter Meereshöhe auf 3768 Meter


Zuerst ist das Kranzhorn vor mir, dann ist es in meinem Rücken. Zu erleben, wie Berge vor einem größer und hinter einem kleiner werden, nur weil man die Füße bewegt, ist sehr befriedigend. Niemand muss Berge versetzen wollen; sich selbst bewegen genügt.
Mein „Weg durch Tirol“ ist auf keiner Karte verzeichnet, schon gar nicht auf jenem Blatt aus den späten 1990er-Jahren, das ich mitgenommen habe. Es zeigt mir, wie sehr die Dörfer Erl und Ebbs in dieser Zeit gewachsen sind. Die Burg Kufstein kommt ins Bild, und keine zwei Stunden später stehe ich direkt unter ihr.
Am nächsten Morgen geht es auf der ersten Brücke über den Inn, auf der zweiten Brücke über die Gleise am Kufsteiner Bahnhof und danach durch die Lindenallee. Dann ist Kufstein ist zu Ende, keine Häuser mehr, alles grün, vor mir der Pendling – und die Autobahn: Sie liefert das Hintergrundrauschen der ersten Tage.

Die Autobahn ist optisch wie akustisch ständiger Begleiter während der ersten Etappen im Inntal. Foto: Axel Klemmer

Zwischen Kufstein und Kramsach gehe ich über weiteste Strecken durch eine Landschaft ohne sichtbaren Tourismus. In den großen Gewerbegebieten des Inntals, zum Beispiel bei Langkampfen, wird besseres Geld verdient, bei geregelten Arbeitszeiten. Wer dort arbeitet, ist nicht länger in gastgebender Funktion tätig, sondern schon selbst beim Naherholen und badet am Wochenende im idyllischen Stimmersee, schattig im Wald am Fuß des Pendling, oder im Reintalersee, sonnig, bei Kramsach.

Zwischen beiden, beginnend beim Wallfahrtsort Mariastein mit seinem hohen Bergfried, folge ich dem Zeichen der gelben Muschel. Der Jakobsweg führt mich über den Mittelgebirgsrücken von Angerberg, vorbei an sichtlich wohlhabenden Dörfern, die wie ausgestorben scheinen. Immer wieder blicke ich zurück: Wie weit das Kaisergebirge schon hinten im Dunst liegt! Von Breitenbach geht es hinauf zum Freilichtmuseum Tiroler Bauernhöfe. Hier ist die Vergangenheit zu besichtigen. Sie war arm, und es mangelte ihr an sehr vielem, nur nicht an Maß und Schönheit.

Einsam unterwegs im Inntal


Zurück in der Gegenwart, geht man durch einen Wohlstand, dem es an fast nichts mangelt, außer an Maß und Schönheit. Auf der Terrasse des Gasthofs in Kramsach sitze ich zwischen lauter Einheimischen und sehe hinauf zum Rofangebirge. Fast immer bin ich auf meinem Weg durchs Inntal allein. Mal gehe ich auf der Straße, dann direkt daneben, so oft es geht auf Feld- und Waldwegen. Über Münster und Wiesing nach Jenbach und am Achenseekraftwerk vorbei, dann hinauf zum Schloss Tratzberg, das sich viel schlechter fotografieren lässt als später das malerische Kloster St. Georgenberg über dem grünen Schlauch der Wolfsklamm: ein Traumbild.
Quartier nehme ich auf dem Vomperberg in der traditionsreichen Karwendelrast, deren Tage gezählt sind. Die Kinder, Sohn und Tochter, wollen den Gasthof nicht übernehmen. Ihr Vater klingt nicht so, als nehme er es ihnen übel. Der Tourismus hat dazu beigetragen, Tirol innerhalb von nur zwei Generationen zu einer der reichsten Regionen Europas zu machen. Nun hat er für viele Menschen im Land der Berge seine Schuldigkeit getan. Sie haben die Seiten gewechselt – von den Dienstleistenden zu den Konsumierenden.
Nachts beginnt es zu regnen, und auf dem Weg durchs Vomperloch und über die Hochterrasse von Gnadenwald trocknet der Schirm nicht mehr. Es regnet vom Ausgang des Halltals bis Thaur, es regnet stärker und spült mich durch die Mühlauer Klamm hinab zum Inn und hinein in die Großstadt. Halbzeit in Innsbruck.

Abstecher ins Karwendel: Im Vomperloch ist es regnerisch und einsam. Foto: Axel Klemmer

Morgens gehe ich im Regen am Goldenen Dachl vorbei – nass glänzt es besonders schön – und hinüber zum Inn, dann unter dem Autobahnzubringer und den Bahngleisen hindurch. Die Autobahn verläuft auf hohen Stelzen, denn unten ist kein Platz mehr. Hinter Schloss Mentlberg führt ein schöner Weg in den Wald hinauf, und oben geht es am Natterer See vorbei auf die weite Talschulter des Westlichen Mittelgebirges.
Was zwischen Götzens, Axams und Grinzens geschehen ist, nennt der Alpengeograf Werner Bätzing „Vervorstädterung“: eine Verdichtung von immer größeren Immobilien und Automobilien, die entsteht, wenn immer mehr Menschen immer höhere Ansprüche an ihre Lebensführung stellen. Auch entlang der kleinen Straße nach Neder wird gebaut. Ich weiche großen Autos und Baustellenfahrzeugen aus, es ist stellenweise eng. Ein Wirtschaftsweg leitet durch den Wald hinab ins Bergsteigerdorf. Sellrain ist ein Urlaubs- und Naherholungsgebiet von großer landschaftlicher Schönheit, und es liegt an der Passstraße über Kühtai.

Das idyllische Gries im Sellraintal. Foto: Axel Klemmer

Motorräder sägen durch das enge Tal. Bei Gries biege ich ins Lüsenstal ab. Hier gibt es keinen Durchgangsverkehr, dafür im grandiosen Talschluss vor der Riesenpyramide des Fernerkogels den Alpengasthof Lüsens. Er gehört dem Stift Wilten in Innsbruck, ist auf seine Weise auch grandios, aber lange Zeit nicht mehr renoviert worden. Acht Monate stand er leer, im Juli 2021 wurde er wieder eröffnet. Thomas und Günther Pernstich, Sohn und Vater, haben den Sommerbetrieb anfangs zu zweit bewältigt: Kochen, Putzen, Bettenmachen, Service. Alles. Für den Winter suchen sie händeringend Unterstützung. Gastronomische Dienstleistungen werden stark nachgefragt, nur nicht von denen, die sie erbringen sollen.
Der Morgen ist sehr kalt und vollkommen still – bis die ersten Autos auf den Parkplatz rollen. Durch den lichter werdenden Wald geht es ins Längental, wunderschön, am Westfalenhaus vorbei und hinauf zum Winnebachjoch. Ich quere ein Stück weit über die Blöcke nach rechts hinaus, bis ich sie zum ersten Mal sehe. Klein und weiß taucht die Wildspitze neben den dunklen Felsen des Seeblaskogels auf. Noch drei Tage.

Sölden ohne Après-Ski


Unten in Gries erzähle ich dem Hotelbesitzer von meinem Plan, er sieht mich verständnislos an und fragt: „Aber nach Sölden nimmst du schon den Bus?“ Ich verneine. Als ich unten im Ötztal auf dem Radweg neben der Straße, dann auf Forstwegen taleinwärts gehe, bezieht sich der Himmel, und bevor ich mein Tagesziel erreiche, beginnt es zu regnen. Die Temperaturen sind gefallen, auf den Bergen fällt Schnee. Über die touristische Baukunst von Sölden wurde schon viel gelästert. Hier sei ergänzt, dass sie neben der zeitgenössischen Wohngewerbearchitektur geradezu menschenfreundlich erscheint. Auch die Menschen im Hotel sind freundlich. Überhaupt begegnet man dem Fußgänger und seinem Vorhaben auf dem gesamten Weg mit Neugier und viel Sympathie. 
Beim Auschecken am nächsten Morgen vertrauen die Wirtsleute mir etwas an. Corona, sagen sie, könne am Ende vielleicht doch etwas Gutes bewirkt haben: weniger Après-Ski. Es sei wirklich nicht mehr schön gewesen.

Der Skiort Sölden ist im Sommer recht friedlich. Die Bergwege in den Hängen darüber sind es sowieso. Foto: Axel Klemmer

Letzte Tropfen werden von ersten Sonnenstrahlen vertrieben, am Ausgang der Kühtrainschlucht funkeln Wassertropfen auf Blättern und in Spinnweben. Die vorletzte Etappe beginnt, von Zwieselbach nach Vent, und wieder bin ich ganz allein. Hinter Heiligenkreuz führt ein alter Weg etwas über dem Talboden entlang, es ist einer der schönsten Wegabschnitte bisher.

Zurück auf der Straße, passiere ich eine Serie langer Galerien, entweder oben, auf den Abdachungen, oder auf dem Wiesenstreifen unmittelbar daneben. Wo dieser aufhört, klettere ich über die Mauer in die Galerie, wo ein bequemer Gehweg die Fahrspur begleitet. Der Verkehr ist spärlich. Später führt ein schmaler Pfad rechts hinauf auf weite, flache Hänge mit leuchtend buntem Herbstkraut, unter dem die Blaubeeren reif sind. Vom Feldkögele wandere ich durch urigen Bergwald weiter. Der Blick auf Vent wird frei. Es ist der 20. September, und das „Bergsteigerdorf“ liegt im Vorwinterschlaf. Nur noch drei Hotels haben auf, der Sessellift Richtung Wildspitze macht Herbstpause, die Breslauer Hütte hat gestern zugesperrt.

Auf den Gipfeln rund um das Venter Tal kündigt sich der nahende Winter an. Foto: Axel Klemmer


 Im Licht der Stirnlampe starte ich am frühen Morgen zur Schlussetappe. Es ist klar und frostig kalt. Kurz vor der Brücke über den Rofenbach holt mich der Bergführer Kilian Scheiber mit dem Motorrad ein. Kilian ist die Ruhe und der Gleichmut in Person.

Die Wildspitze ist ein Altbau, sie bröckelt an allen Ecken und Enden.

Die übliche Route über das Mitterkarjoch geht er mittlerweile nur noch bis Ende Juli, Anfang August. Zu viele Steine. Wir werden durch das Rofenkar und über den Nordostgrat aufsteigen, es ist eh der schönere Weg. Andere Routen? Kilian zuckt die Achseln. Vielleicht noch der Südgrat über den Ötztaler Urkund, wobei der oben auch furchtbar brüchig ist. Und sonst? Schau dir den Berg doch an… Ja, die Wildspitze ist ein Altbau, sie bröckelt an allen Ecken und Enden. Eigentlich passt sie gar nicht mehr in diese Zeit, in dieses Land der neuen, glatten Häuser.
Meine schweren Schuhe, lange nicht genutzt, hatte ich vorab per Post nach Vent geschickt. Kurz vor dem Rofenkarferner merke ich, dass sich links wie rechts die Sohlen lösen. Kurze Überlegung: Absteigen muss ich sowieso, also kann ich vorher auch weiter aufsteigen; die Steigeisen werden die Sohlen am Schuh festhalten.

Einsam unterwegs auf dem Nordostgrat der Wildspitze. Foto: Axel Klemmer

Blankes Eis, pulvriger Neuschnee und Spalten, die immer noch tief genug sind, um darin zu verschwinden – niemand außer uns ist unterwegs. Oben auf dem Kamm bläst der Wind eiskalt. Eine alte Spur zieht über den Hang hinauf, kaum zu sehen unter dem eingewehten Schnee, und mit der Höhe wächst das rauschhafte Gefühl, das einem nur die ganz großen Berge geben. Der breite Rücken wird zum Grat, schmal, steil und ausgesetzt. Vom Nordgipfel schauen wir hinüber zum Südgipfel, und einige Minuten später endet mein Weg durch Tirol mit dem letzten Schritt. Auf dem höchsten Punkt Nordtirols parkt das erst 2010 gesetzte, viereinhalb Meter hohe Kreuz wie ein silberfarbenes Premiumautomobil. Hat man es im Rücken und betrachtet das Panorama, sieht man es nicht. „Eine grössere Weltabgeschiedenheit lässt sich für wahr auf keinem anderen Berggipfel finden als auf der Wildspitze“, notierte der Alpengeograf Anton von Ruthner 1861 nach der dritten Besteigung des Berges. 160 Jahre später empfinde ich es anders. Ich bin nicht so weit und so hoch hinauf gestiegen, um mich von der Welt abzuscheiden. Ich wollte mich ihr zuwenden – neun Tage lang, bis zum Gipfel. Es hat geklappt.