Skitourenstudie der DAV-Sicherheitsforschung

Skitourengruppen – sicher unterwegs?

Skitourengruppen müssen eigenverantwortlich entscheiden, ob eine Tour bezüglich der Lawinengefahr vertretbar ist und wie sie im Gelände mit der Gefahr umgehen. Doch wie gehen sie dabei vor? Die DAV-Sicherheitsforschung ging dieser Frage nach.

Berücksichtigen Skitourengruppen bei ihren Entscheidungen die Lawinensituation? Erkennen sie Gefahrenstellen im Gelände? Schätzen sie das Lawinenrisiko richtig ein? Und treffen sie angemessene Verhaltensmaßnahmen an Gefahrenstellen? Die DAV-Sicherheitsforschung führte dazu eine großangelegte Feldstudie durch. Durchgeführt wurde sie in den Wintern 2020 und 2022 an zwei klassischen Skitourenstandorten (Kelchsau in den Kitzbüheler Alpen und Namlos in den Lechtaler Alpen). Die Erhebungsstandorte wurden so gewählt, dass auch bei Gefahrenstufe erheblich unterschiedlich risikoreiche Skitouren möglich waren. (In Panorama 1/22 wurden Zwischenergebnisse zur Ausrüstung nach der ersten Erhebungssaison 19/20 berichtet).

Studiendesign

Am jeweiligen Erhebungstag befragte ein vorab geschultes Erhebungsteam die ankommenden Skitourengruppen an den jeweiligen Parkplätzen vor und nach ihrer Tour. Es wurden eigens für die Studie Fragebögen entwickelt, die neben den soziodemographischen Informationen auch Fragen zu Tourenauswahl, Motivation, Überlegungen zur Lawinengefahr, Hintergrundwissen und zum Verhalten im Gelände beinhalteten. Um die Antworten zur Lawinengefahr auch bewerten zu können, wurde für die beiden Erhebungsorte ein Geländemodell aller lawinenrelevanten Geländestellen entwickelt. Am Skitourenstandort Namlos zum Beispiel ergaben sich bei 15 Skitouren 104 Geländestellen, die je nach Lawinengefahr eine Gefahrenstelle darstellen könnten. Auf der Basis dieses Geländemodells wurde jeweils an den Tagen vor den Erhebungen eine tagesaktuelle Risikoanalyse erstellt. Hierbei wurde für jede Geländestelle im Geländemodell bestimmt, ob sie am Erhebungstag eine Gefahrenstelle darstellt und welche Verhaltensempfehlung angemessen wäre. Die Verhaltensempfehlungen reichten von „Geländestelle nicht gefährlich und als Gruppe begeh- oder befahrbar“ über „Entlastungsabstände“, „Einzeln gehen/fahren“, „Umgehung/ Umfahrung notwendig“ bis zu „Verzicht“.

Abbildung 1: Geländestelle vs. Gefahrenstelle. Foto: Martin Schwiersch

Abbildung 1 veranschaulicht das Vorgehen. Die Risikoanalyse diente als Grundlage, um die Qualität der lawinenbezogenen Gefahreneinschätzung und des Verhaltens der Gruppen an den Geländestellen einzuschätzen. Um bezüglich der Lawinensituation besonders interessante Tage zu erwischen, fanden die Befragungen vorwiegend an Tagen mit Gefahrenstufe mäßig oder erheblich statt.

Abbildung 2: Die vom Lagebericht ausgegebenen Lawinengefahrenstufen an den Erhebungstagen entsprachen der langjährigen Verteilung im Alpenraum. Grafik: Sensit

Die in Abbildung 2 dargestellte Verteilung der Lawinengefahrenstufen entspricht in etwa dem langjährigen Profil im Alpenraum (vgl. SLF, 2022).

Wie sieht die typische Skitourengruppe aus?

112 Skitourengruppen mit insgesamt 345 Personen wurden befragt. Die befragten Gruppen bestanden in der Regel aus zwei bis fünf Personen. Einzelgeher*innen oder größere Gruppen waren die Ausnahme. Die Skitourengeher*innen deckten einen weiten, generationsübergreifenden Altersbereich von 17 bis 78 Jahren ab und verteilten sich gleichmäßig über die Altersdekaden. Auch innerhalb einzelner Gruppen gab es große Altersunterschiede. Die Mehrheit gab an, als Gruppe miteinander vertraut und regelmäßig gemeinsam unterwegs zu sein, im Mittel seit rund 16 Jahren Skitouren zu unternehmen und im Skitourengehen erfahren zu sein (im Mittelwert knapp 3 auf einer Skala von 1 = unerfahren bis 4 = sehr erfahren). Die Gruppen waren gemischtgeschlechtlich oder als Männergruppen unterwegs. Die reine Frauengruppe war die Ausnahme. Zum Zeitpunkt der Befragung (Januar bis Mitte Februar) hatten die Gruppen während der laufenden Saison im Durchschnitt bereits neun Skitouren absolviert. Das Skitourengebiet und auch die Tour waren den Gruppen in der Regel bekannt: 62 % der Gruppen gaben an, dort wöchentlich oder monatlich unterwegs zu sein. Die durchschnittliche Anfahrtsentfernung lag bei 100 Kilometer.

Aspekte für die Tourenauswahl

Die Gruppen kamen in der Regel mit einer konkreten Tourenidee an den Ausgangspunkt. Die Touren wurden meist regelmäßig begangen, hatten etwa 850 bis 1200 Höhenmeter. Sie führten in Gelände, das sicheres Skikönnen verlangt und beinhalteten Passagen, die bei entsprechender Lawinensituation zu Gefahrenstellen werden können. Die Erheber*innen befragten die Gruppen zunächst allgemein und offen zu ihren Beweggründen, warum sie sich an diesem Tag für genau diese Tour entschieden hatten. Dabei wurden die freien Antworten der Gruppe in der Reihenfolge der Nennung aufgenommen.

Abbildung 3: Die Antworten geben die Häufigkeit der jeweils erst- oder zweitgenannten Beweggründe der Befragten an. Grafik: Sensit

Abbildung 3 gibt die Häufigkeit der jeweils erst- oder zweitgenannten Beweggründe an. Skitourengruppen nennen Schneequalität und Lawinenaspekte praktisch gleich häufig als Beweggrund für die Tourenwahl. Die Häufigkeit, mit der die Lawinensituation erwähnt wird, spricht für die hohe Vergegenwärtigung lawinenbezogener Überlegungen in den Gruppen, denn bei dieser Frage wurde nicht explizit danach gefragt. Anschließend wurden die Gruppen allgemein und offen befragt, welche Aspekte es waren, die Tour als machbar einzuschätzen. Hier bestätigt sich, wie wichtig die lawinenbezogene Machbarkeit der Tour für die Gruppen war, die weit vor Wetter- oder anderen Aspekten rangiert (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die häufige Nennung der Lawinensituation ist ein Indiz dafür, dass die lawinenbezogene Machbarkeit in den Gruppen eine entscheidende Rolle für die Tourenwahl spielte. Grafik: Sensit

Bei der konkreten Tourenwahl ergab sich folgendes Bild: 21 Gruppen (19 %) hatten Touren vor, die laut Risikoanalyse am Erhebungstag keine lawinenbezogenen Gefahrenstellen aufwiesen. 64 % der Gruppen hatten Touren mit einer bis maximal drei Gefahrenstellen geplant. Mehr als die Hälfte der Gefahrenstellen waren am Erhebungstag laut Risikoanalyse mit Entlastungsabständen passierbar. Lediglich an 4 % der Gefahrenstellen war Umgehung empfohlen worden. Eine Gruppe beabsichtigte eine Tour, die eine Gefahrenstelle passierte, für die „Verzicht“ gefordert war. Diese Gruppe wurde aus studienethischen Gründen vor Antritt der Tour über die Situation aufgeklärt. Für diesen Fall sah das Studienprotokoll wegen der erfolgten Intervention vor, Gruppen nicht abschließend zu ihrer durchgeführten Tour zu befragen. Insgesamt kann der Schluss gezogen werden, dass die befragten Skitourengruppen in der Regel lawinenbezogen machbare Touren wählten.

Qualität von Gefahreneinschätzung und -verhalten der Gruppen

Wählen Skitourengruppen nicht nur machbare Touren aus, sondern schätzen sie die Gefahren auch angemessen ein und passieren sie Gefahrenstellen mit dem gebotenen Verhalten? 86 Gruppen konnten nach ihrer Tour zu etwaigen Veränderungen in der Einschätzung von Geländestellen und ihren Verhaltensmaßnahmen befragt werden. Wie in Tabelle 1 ersichtlich, wurden mehr als die Hälfte der Gefahren- und der Geländestellen korrekt erkannt. Die diesbezüglichen Werte vor und nach der Tour unterscheiden sich statistisch nicht bedeutsam. Dies bedeutet, dass sich im Durchschnitt die Einschätzung der Gefahren- und Geländestellen und damit die Qualität der Gefahreneinschätzung während der Tour nicht ändert. Dies kann dann problematisch werden, wenn die Verhältnisse vor Ort nicht mit den erwarteten Verhältnissen übereinstimmen. Ferner wurde ein bedeutsamer Anteil der Gefahrenstellen nicht erkannt. Dies wurde vermutlich nur deswegen nicht zum Problem, weil die Gruppen selten Touren mit Stellen wählten, die zu umgehen oder zu vermeiden gewesen wären.

Tabelle 1: Die Tabelle zeigt, dass sowohl in der Planung als auch auf Tour ein nicht unbedeutender Anteil von tatsächlichen Gefahrenstellen nicht erkannt wird. Ein riskantes Verhalten auf Tour zeigt immerhin knapp ein Fünftel der befragten Gruppen. Grafi: Sensit

Verhalten sich die Skitourengruppen lawinenbezogen geländeangepasst?

Das Erkennen von Gelände- und Gefahrenstellen allein genügt auf Tour nicht, Skitourengeher*innen müssen sich an den jeweiligen Stellen auch angemessen verhalten. Angemessenes Gefahrenverhalten bedeutet im Kontext dieser Feldstudie, dass eine Gruppe eine an diesem Tag ungefährliche Geländestelle im Gruppenverband beging oder an Gefahrenstellen die seitens der Risikoanalyse geforderte Verhaltensempfehlung umsetzte. Hierzu wurden die Gruppen nach ihrer Tour befragt. Gut zwei Drittel (69 %) der Gelände- bzw. Gefahrenstellen der Tour wurden von den Gruppen angemessen passiert. Dieses Ergebnis geht zu einem großen Teil auf die Passage ungefährlicher Stellen im Gruppenverband zurück. An knapp 19 % der Geländestellen wurde ein riskantes Verhalten gezeigt und an 12 % der Stellen ein übervorsichtiges Verhalten. Tabelle 2 gibt die Übereinstimmung der Verhaltensempfehlungen der Risikoanalyse mit den von der Gruppe angegebenen Verhaltensmaßnamen an den Gefahrenstellen an. Es ergibt sich ein mit der Risikoanalyse übereinstimmendes Verhalten bei 54 von 279 Gefahrenstellen (grün in Tabelle 2), was einem angemessenen Verhalten an 19 % der Gefahrenstellen entspricht. Gesteht man Skitourengruppen eine Abweichung um 1 zu (also z.B. als Gruppe über eine Stelle gegangen zu sein, für die Entlastungsabstände empfohlen waren), dann ergeben sich insgesamt 184 Übereinstimmungen (grün und gelb; 66 %). Den Löwenanteil macht dabei aus, dass an 107 Stellen Entlastungsabstände empfohlen gewesen wären, die Gruppe die Passage aber im Gruppenverband beging. Durch Entlastungsabstände hätte das angemessene Verhalten an Gefahrenstellen insgesamt auf 58 % erhöht werden können. Berücksichtigt man noch die Stellen, an denen die Gruppen übervorsichtig waren (grau), dann ergibt sich ein laut Risikoanalyse angemessenes Verhalten an 239 bzw. 86 % der Gefahrenstellen. Große Diskrepanzen zwischen Empfehlung und Verhalten gibt es in Einzelfällen: Fünf Stellen wurden von insgesamt drei Gruppen im Gruppenverband begangen, obwohl Umgehung empfohlen war.

Tabelle 2: Angemessenes Verhalten der Gruppen gab es bei 54 (grün = 19 %) von 279 Gefahrenstellen. Bezieht man eine Abweichung um 1 in Richtung riskant ein, erhöhen sich die Übereinstimmungen auf 184 (grün und gelb = 66 %). Gelb ist bei den vorliegenden, eher risikoarmen Skitouren noch tolerierbar, bei „schärferen“ Touren oder heiklen Verhältnissen drohen schwerwiegende Konsequenzen. Grafik: Sensit

Schlussfolgerungen

Basierend auf unseren Daten, nehmen Skitourengeher* innen die Beurteilung der Lawinengefahr ernst, sie spielt eine zentrale Rolle bei der Wahl der Tour. In aller Regel werden lawinenbezogen machbare Touren ausgewählt. In den beiden klassischen Skitourengebieten der Studie sind sie defensiv unterwegs: Sie gehen übliche Touren, auf denen unverspurte Hänge selten sind; kennen oft das Gebiet und die Tour, und sind selten allein unterwegs. Wenn sie Touren mit Gefahrenstellen wählen, dann beinhalten diese wenige Gefahrenstellen und selten solche, die als zu riskant bewertet wurden. Während ihnen die typischen Gefahrenstellen geläufig sind, übersehen sie jedoch Gefahrenstellen, die eine vollständige Analyse einer Tour (Stelle für Stelle) aufdeckt hätte. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer gewissenhaften Tourenplanung und Geländebeobachtung, insbesondere bei unbekannten Touren und/oder nicht regelmäßig befahrenen Hängen. Auf Tour passen die Skitourengeher*innen ihr Verhalten zu wenig den gegebenen Gefahren an und sind daher tendenziell etwas zu riskant unterwegs. Der häufigste Fall ist, dass Gruppen Gefahrenstellen, die mit Entlastungsabstand begangen werden sollten, im Gruppenverband begehen. Aufgrund der defensiven Tourenwahl der erhobenen Gruppen wurde dies nicht zum Problem. Bei risikofreudiger Tourenwahl, kritischen Verhältnissen oder selten betretenen bzw. befahrenen Hängen ist eine kontinuierliche Risikoanalyse auf Tour, das Erkennen von Gefahrenstellen und die Umsetzung angemessener Verhaltensmaßnahmen aber unabdingbar. Immerhin lösen Skitourengeher* innen in 95 % der Fälle Lawinen selbst aus (vgl. Schweizer & Techel, 2017). Insgesamt können Skitourengruppen durch eine einfache Maßnahme ihre Sicherheit erhöhen: Indem sie ab Lawinengefahrenstufe 2 an Steilhängen (> 30°) Entlastungsabstände im Auf- und Abstieg an den im Lawinenlagebericht genannten Expositionen und Höhenstufen einhalten. Allein dadurch würden sich in dieser Studie die mit angemessenen Verhaltensmaßnahmen begangenen Gefahrenstellen um ein Drittel erhöhen. Wovon es abhängt, dass Gruppen lawinenbezogene Gefahrenstellen zu einem Teil nicht erkennen bzw. ihr Verhalten nicht anpassen, wird Gegenstand vertiefender Auswertungen. Über diese Ergebnisse werden wir noch berichten.

Autor*innen und Literatur

An dieser Publikation der Forschungsgruppe Winter der DAV-Sicherheitsforschung wirkten neben Lukas Fritz vom DAV folgende Personen mit:

Michaela Brugger, Florian Hellberg, Christoph Hummel, Dr. Martin Schwiersch, Dr. habil. Bernhard Streicher. An den Erhebungen haben zusätzlich mitgewirkt: Philipp Berg, Max Bolland, Steffi Bolland, Anna Gomeringer, Stefan Hinterseer, Alexandra und Georg Hochkofler, Johanna Kozikowski, Johanna Mengin, Jessica Ploner, Paul Schmid, Martin Prechtl, Bernhard Schindele, Laura Schwiersch.

Literatur

  • Schweizer, J. & Techel, F., 2017. Lawinenunfälle Schweizer Alpen. bergundsteigen #98.

  • SLF (2022). Wissen zum Lawinenbulletin: Gefahrenstellen. WLS-Institut für Schnee- und Lawinenforschung.

Themen dieses Artikels