Thomas Lämmle mit Krücken auf dem Kilimanjaro
Er hat es geschafft. Weniger als anderthalb Jahre nach der Diagnose Querschnittslähmung steigt Thomas Lämmle wieder auf den Kilimanjaro. Foto: Michael Scheyer

Höhenbergsteiger Thomas Lämmle

Der lange Weg zurück zum Berg

Thomas Lämmle stand elfmal auf dem Gipfel eines Achttausenders und viele Male auf dem Kilimanjaro. Nach einem schweren Gleitschirmunfall kämpft er sich zurück ins Leben – und auf seinen Sehnsuchtsberg in Afrika.

Der Kilimanjaro. Immer wieder dieser Berg. Ziel von Menschen aus der ganzen Welt, ist er für Thomas Lämmle aus Waldburg in Baden-Württemberg mehr als das: Für ihn ist der Kilimanjaro Leidenschaft und Verpflichtung. Mehr als sechzig Mal stand er schon ganz oben. Mit Gruppen, die er führte und mit seinen Kindern. Mit dem Bike hat er ihn befahren, war Guide von keinem geringeren als Mountainbike-Pro Danny MacAskill und berät die Verwaltung des Kilimanjaro-Nationalparks, die mit seiner Unterstützung einen Mountainbike-Trail angelegt hat. Sogar mit dem Gleitschirm ist er mehrere Male vom Gipfel des Berges geflogen. „Mit dem Kilimanjaro verbinde ich ganz viele beeindruckende und berührende Erlebnisse. Mich faszinieren die Gletscher genauso wie die Menschen. Ich habe das Gefühl, dort wirklich gebraucht zu werden“, sagt Thomas Lämmle. Zuletzt stand er an Ostern 2022 auf dem höchsten Punkt Afrikas, dem 5895 Meter hohen Uhuru Peak. Eine medizinische Sensation. Denn Thomas Lämmle ist nicht nur auf einen Berg gestiegen – er hat einen Berg versetzt. 

Erfolgreicher Höhenbergsteiger: Thomas Lämmle am Gipfel des Lhotse 2018. Foto: Thomas Lämmle

Auf Makalu und Lhotse steigt er 2018 nacheinander innerhalb von nur acht Tagen ohne Sherpa und ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff.

Rückblick: Thomas Lämmle, 55 Jahre alt, Sportwissenschaftler, Erlebnispädagoge und Realschullehrer an einer Schule für Hör- und Sprachbehinderte, gehört zu den besten deutschen Höhenbergsteigern. 1998 besteigt er mit dem Cho Oyu seinen ersten Achttausender, auf den Gipfel des Everest schafft er es 2016 über die Nordroute von Tibet ohne Flaschensauerstoff. Erst am zweiten Abstiegstag nimmt er aus Angst vor Erfrierungen zwischen Lager III und Lager II ein paar Züge aus der Sauerstoffflasche. Es sind perfekte Bedingungen. Auf dem Gipfel kann er sogar kurz seine Handschuhe ausziehen und der Partnerin zu Hause eine SMS senden: „Heike will you marry me?“. Auf Makalu und Lhotse steigt er 2018 nacheinander innerhalb von nur acht Tagen ohne Sherpa und ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff. 2020 will er einen lang gehegten Traum wahrmachen und mit dem Gleitschirm vom Gipfel des Mount Everest fliegen.  

Am Fuß des Kilimanjaro landete Thomas lämmle sicher, am Allgäuer Hochgrat stürzte er ab - mit fatalen Folgen Foto: Thomas Lämmle

Gleitschirmunfall mit Folgen

Und dann kommt alles anders. Es ist der 23. April 2020. Die Corona-Beschränkungen waren in Bayern wenige Tage vorher gelockert worden. Thomas Lämmle ist mit dem Mountainbike wieder an seinen Trainingsberg, den Hochgrat im westlichen Allgäu, gefahren; im Gepäck hat er seinen Gleitschirm. Ein perfekter Tag, alles läuft planmäßig. Er zieht den Schirm nach oben, schaut noch rüber zum Säntis in der Schweiz, als ein Windstoß eine Seite seines Schirms eindrückt und er abstürzt. Lämmle schlägt auf dem Boden auf. Die Wirbelsäule rammt sich in sein Becken, das gesprengt wird. Auch das Kreuzbein ist komplett zertrümmert und die Rippen brechen. Er wählt noch selbst den Notruf, dann der Filmriss. Im Klinikum Ravensburg kämpfen sie um sein Leben: Er verliert vier Liter Blut. Acht Stunden dauert die Operation. Dass er das alles überlebt? „Nur weil die Rettungskette so reibungslos funktioniert hat“, ist sich Thomas Lämmle sicher. Und wahrscheinlich auch, weil er kurz vorher vier Mal auf seinem zweiten Trainingsberg, dem Kilimanjaro, stand und die Zahl seiner roten Blutkörperchen noch recht hoch ist.  

Nach seinem Gleitschirmunfall kämpft sich Thomas Lämmle in der Gehschule Schritt um Schritt zurück. Foto: Thomas Lämmle

Querschnittslähmung, das ist die erste Diagnose, als er aus der Narkose erwacht. Die Beine gelähmt, mit allem, was dazu gehört: starke Nervenschmerzen und die Aussicht auf einen künstlichen Darm- und Blasenausgang. „Ich wäre ein Pflegefall gewesen“, sagt Thomas Lämmle. Seine Situation ist eine Katastrophe. Plötzlich sind alle Pläne Makulatur. Ob es da einmal Suizidgedanken gab, frage ich ihn. Das Pflegepersonal sei besonders wachsam gewesen, erzählt er. Als er nach einem Messer fragt, um einen Apfel in Stücke zu schneiden, bekommt er es nicht. Als zu groß wird die Gefahr eingeschätzt, er könne sich etwas antun. Zwar sagt er heute, er sei nie in der Gefahr gewesen, sich das Leben zu nehmen. Und doch fallen im Gespräch auch Sätze wie dieser: „Wenn es ein vollständiger Querschnitt gewesen wäre, hätte ich nicht mehr leben wollen.“ 

Austherapiert?

Das Schicksal – und ein Stück weit auch die Medizin – hatten die Rechnung nicht mit dem eisernen Willen und der Motivationskraft des Höhenbergsteigers gemacht. Langsam kommt das Gefühl in seinem rechten Bein zurück. Es ist ein sogenannter niederer Querschnitt, Lämmle kann Arme und später auch das rechte Bein bewegen. Er setzt sich zum Ziel, wieder gehen zu lernen. Seine betreuende Ärztin in der Rehaklinik in Isny macht ihm Mut: „Sie müssen es wollen, vom Aufstehen bis zum ins Bett gehen – bei ihrer Vergangenheit wäre es doch gelacht, wenn sie nicht wieder laufen könnten.“ Thomas Lämmle will. Und wie! Sein Traum: „Wenn ich wieder laufen kann, steige ich auf den Kilimanjaro.“  

Diesmal ist es ein weiter Weg auf den höchsten Punkt Afrikas. Aus der Reha wird Thomas Lämmle im Rollstuhl entlassen. „Austherapiert, hieß es da“, erzählt er. Alle hätten nur mitleidig geschaut, als er ihnen von seinem großen Bergziel erzählte.  

 

Für den Bewegungs-Fan, der fast ein halbes Jahr nur gelegen ist, beginnt der wohl forderndste Weg seines Lebens. „Du weißt nicht mehr, wie Gehen funktioniert“, beschreibt Lämmle seine damalige Situation. Er muss sich Filme anschauen, die Menschen beim Gehen zeigen, um wieder eine Vorstellung davon zu bekommen. Und dann stellt er sich vor, wie sein Körper das macht. Jeder einzelne seiner Schritte ist eine Willensleistung. Automatisch geht nichts, sein Gehirn muss den Fuß ansteuern. Die Augen ersetzen das Gefühl. Wann der Fuß den Boden berührt, ob seine Zehen irgendwo anstoßen, spürt Thomas Lämmle nicht. Er muss es sehen. Erst nach und nach lernt er, die Position des Fußes über das Sprunggelenk zu bestimmen. 

Thomas Lämmle mit Schneeschuhen im Allgäu. Foto: Thomas Lämmle

Es ist ein Trainings- aber auch ein Lernprozess, wobei Lämmle hilft, dass er ehrgeizig ist und bis zu seinem Unfall durchtrainiert war. Und dass er bei seinen vielen Expeditionen gelernt hatte, über das Limit zu gehen. Dabei muss er jetzt weit unter seinen Grenzen bleiben. „Muskeln lassen sich zwar mit viel Willen auftrainieren, Nerven aber nicht. Wenn Du die Nerven durch zu viel Training zu viel reizt, funktioniert nichts mehr“, erklärt er. Die Folge waren und sind schlaflose Nächte, weil die Nerven im gelähmten Bein schmerzen.

Ein Freudensprung. Er stützt sich auf die Krücken und streckt die Beine zur Seite. Noch immer ist das sein Profilbild bei Whatsapp.

Training und Wille allein reichen jedoch nicht. „Gefühlt hört mein linkes Bein heute unter dem Knie auf. Ohne mich irgendwo festzuhalten, kann ich nicht darauf stehen.“ Um überhaupt gehen zu können, braucht Thomas Lämmle eine Orthese, die ihm hilft, den Fuß anzuziehen. Wenn man ihn heute gehen sieht, wirkt das ungelenk, ein bisschen so, als ziehe jemand an den Fäden einer Marionette. „Fünfhundert Meter schaffe ich gut. Für alles, was weiter ist, brauche ich die Krücken. Das entlastet mein linkes Bein.“ Mit Krücken schafft er es auch auf den Kilimanjaro. Am ersten September 2021, weniger als anderthalb Jahre nach dem Unfall, steht er wieder auf dem Uhuru Peak. Ein Freudensprung. Er stützt sich auf die Krücken und streckt die Beine zur Seite. Noch immer ist das sein Profilbild bei Whatsapp.  

Für Thomas Lämmle bedeutet dieser Tag weit mehr als einen Befreiungsschlag. Er hatte sich bewiesen, dass er es unter den veränderten Vorzeichen wieder kann. Er ist mit einer Gruppe unterwegs, mit dabei ist auch der Journalist und Filmemacher Michael Scheyer. Für die Schwäbische Zeitung hatte dieser immer wieder über Lämmles Achttausender-Erfolge und sein soziales Engagement vor Ort berichtet. 2013 hat Thomas Lämmle mit seinem Freund Richard Mollel das Projekt „Extrek-Africa“ für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen am Kilimanjaro gegründet. Mittlerweile gibt es sogar eine kleine Farm, um den Menschen das Überleben zu sichern, wenn der Trekkingtourismus wie zu Coronazeiten oder während der Regenzeit ausbleibt.  

Vor dem Unfall war Thomas Lämmle sogar mit dem MTB auf dem Kilimanjaro Foto: Thomas Lämmle

Michael Scheyer hat die Idee, Lämmle bei Versuch eins nach dem Unfall an den Kilimanjaro zu begleiten. Weil ihn Lämmles Weg so fasziniert und bewegt, macht er aus dem Material, das er aus Tansania mitbringt, einen Film: „Wie man auf den Kilimanjaro steigt – mit und ohne Krücken“. Bei einem Dutzend Festivals hat er die Dokumentation eingereicht. Aus Atlanta (USA) kam sofort eine Zusage. Von anderen stehen die Rückmeldungen noch aus. „Thomas war für das Team am Kilimanjaro ein Vorbild. Auch wenn er mit Krücken unterwegs war, haben seine Motivation und sein Wille uns mitgezogen“, sagt Scheyer und ergänzt, dass Thomas Lämmle am Gipfeltag eine Stunde nach der Gruppe startete – und eine Stunde vor den anderen am Gipfel ankam.  

Rückschläge

Also alles in bester Ordnung? Auf keinen Fall. Der Berg forderte seinen Tribut. Die Schrauben, die Thomas Lämmles Becken und Wirbelsäule zusammenhalten sollten, brachen. Und er lief sich am Kilimanjaro eine Blase am linken Fuß. „Die Socken haben gerieben. Ich habe es nicht gespürt“, sagt Lämmle. Normalerweise ist so eine Blase nach ein paar Tagen vergessen. An Thomas Lämmles Fuß will die entzündete Stelle aber einfach nicht verheilen. Eine Blutvergiftung folgt, weil sein Körper nicht merkt, dass da etwas nicht stimmt. Ein herber Rückschlag. Ein halbes Jahr dauert es, bis das wieder in Ordnung ist. Auch hier lernt Lämmle dazu. Seitdem ist er am Berg immer mit einem Dreibeinhocker unterwegs, um regelmäßig zu prüfen, ob mit seinem linken Fuß alles in Ordnung ist. 

Ziemlich genau zwei Jahre nach dem Unfall, der so vieles verändern sollte in seinem Leben, erreicht er ein weiteres Mal den Uhuru Peak. Skitourengehen ist sein nächstes Projekt. Und natürlich frage ich ihn, ob ihn ein hoher Berg noch reizen würde. Die Antwort ist voller Abwägungen. Vor Erfrierungen und Infektionen habe er Angst, er spüre ja nichts im linken Fuß. Er sei sich nicht sicher, ob er das Risiko eingehen wolle. Ein klares Nein kommt Lämmle allerdings nicht über die Lippen. „Den Traum, nochmals auf einem Achttausender zu stehen und vielleicht sogar hinunterzufliegen, den gibt es auf jeden Fall.“ Und vielleicht wird auch das kein Traum bleiben. 

 

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